Remisens - Ratgeber

Zeit für Zärtlichkeit? Was das Coronavirus mit der Lust macht

Social Distancing ist das Gebot der Stunde,
doch ist das eine Chance für mehr Sex –
oder erstickt die Dauernähe die Lust?
So kommen wir mit der Herausforderung klar.

Liebespaar sitzt auf dem Sofa.© Goran Bogicevic / Shutterstock

Wir lieben und leben unter besonderen Bedingungen.

Corona. Distanz. Home Office. Enge. Dabei ist es auch schön, mehr Zuhause zu sein, die Zeit besser einteilen zu können. Es gibt viel weniger Ablenkung, Freunde, Fitness, Kino, Essen gehen ist eher abgesagt oder nur unter Auflagen möglich. Der Fokus liegt also auf dem Partner. Man möchte meinen: nun hat die Liebe freie Bahn. Endlich Zeit für Austausch. Muße für die Lust. Husch, ins Körbchen? Da kann es kuschelig werden, im besten Fall knistert’s.

So gesehen birgt das Virus mit den Krönchen Chancen für die Sexualität – einer der wenigen positiven Aspekte der Pandemie. Tatsächlich nutzen Paare die Zweisam-Zeit für Erotik. Das Gefühl ist aber auch: die mangelnde Rückzugsmöglichkeit und Sicherheit stresst uns oft und wird zur Beziehungsbelastung. Wir gehen uns auf den Keks. Und dann heißt es nicht freie Fahrt für die Lust, sondern die Libido tritt auf die Bremse, sexuelle Unlust folgt auf dem Fuß. Noch mehr, wenn Kinder im Haushalt den Handlungsspielraum begrenzen. Für Singles oder lose Verbandelte wird es schwer, intime Kontakte zu pflegen und potenzielle Partner kennenzulernen.

Die realen Folgen der Pandemie für die Lust:

das sagen Experten und Zahlen

Es gibt viele Anzeichen für mehr gelebte Lust in der Corona-Krise. Die Kondomhersteller Einhorn und Ritex etwa verzeichneten ein großes Umsatzplus, Tinder und Dating- und Pornoseiten mehr Zugriffe, der Online-Sextoyhandel wächst. Ein Beispiel vom Versender Eis.de: „Bei uns erhöhten sich die Bestellzahlen parallel zum Auftauchen des Corona-Virus und mit dem Inkrafttreten der Schutzregelungen“, berichtet Nina Barz, Marketing- und Kommunikationschefin bei Eis.de. Man staunt über ein 300-prozentiges Wachstum bei Masturbatoren für Männern und Satisfyer-Druckwellen-Toys für Frauen. Viele scheinen die Zeit des Social Distancing zu nutzen, um die eigene Sinnlichkeit neu zu entdecken.

Auch Paare sorgten für ihre Lust, die Bestellungen von Partner-Toys haben sich bei Eis.de verdoppelt. Dazu passt das Ergebnis einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos im Auftrag der Entspannungs-App Headspace: Gut ein Drittel der Befragten gab an, durch die Pandemie mehr Zeit mit dem oder der Liebsten zu haben.

Doch es gibt auch die andere Seite – Faktoren, die sexuelle Unlust verstärken. Ausgelöst werden sie von den psychischen und praktischen Folgen der Corona-Beschränkungen. So beschreiben sechs von zehn Befragten, dass Corona ihr Leben negativ beeinflusst, etwa durch Stress, Ängste und finanzielle Probleme. Ist das vegetative Nervensystem durch Sorgen und Stress angegriffen, führt das häufig zum Libido-Verlust, vor allem bei Frauen.

Und bringt der Rückzug nun einen Babyboom? Nach vielen Corona-Kindern sieht es nicht aus, meinte Dr. Christian Albring, Präsident des Bundesverbands für Frauenärzte Mitte Oktober im Rückblick auf die ersten Kontaktbeschränkungen im Frühjahr und Frühsommer 2020. Auch wenn einige Paare die ruhige Zeit nutzen dürfen, verschieben vermutlich andere die Nachwuchsplanung, wo die Zeiten für Job, Finanzen und Lebensplanung so unsicher sind.

Wie sich eine Situation, in der die Welt aus den Fugen gerät auf die Beziehungsentscheidungen von Menschen auswirken kann, zeigt eine Studie der Pennsylvania State University zu einer Naturkatastrophe. Die Ausnahmesituation brachte im Vergleich weder nur positive noch nur negative Lebensentscheidungen hervor, sondern mehr von beidem: mehr Geburten, mehr Hochzeiten – und mehr Scheidungen. Die schwierige Situation scheint quasi ein Stresstest für Paare zu sein und führt je nach Lebenssituation zu mehr Liebe, Nähe und Lust – oder Frust. Die Forscher resümieren, dass Menschen im Auge der Bedrohung offenbar stärker motiviert sind, ihr Leben rund um Liebe und Familie zu ändern.

Die Chancen der sozialen Distanz und neuen Nähe

Wenn Sie in der Zeit von sozialer Distanzenger mit dem Partner zusammengerückt sind – wunderbar. Wenn dies ab und an schwierig ist, ist es wichtig, die ungewohnte Nähe bewusst zu managen. Ein Warnzeichen wäre, wenn Sie sich räumlich nah sind wie nie, und sich dennoch selten verbunden fühlen.

Betrachten Sie Corona darum als Anstoß, Beziehungspflege zu betreiben und die Qualität der Partnerschaft  zu verbessern. Vielleicht hilft diese Liste mit Starkmachern für Partnerschaft und Sexualität in bedrängten Zeiten. Wichtig ist der Gedanke: Fragen Sie nicht, was der oder die Andere tun kann. Legen Sie vor. Wie gut, dass Sie einander haben.

  • Erst eine Vorübung: Schärfen Sie Ihre Sinne, um deutlich wahrzunehmen, wie es Ihnen geht. Was brauchen Sie, im Alltag, in Lust oder Liebe? Gerade in Corona-Zeiten wissen wir manchmal selbst nicht, wo oben und unten ist.
     
  • Der Anspruch, dass nur eine komplett harmonische Beziehung eine gute sei, ist unrealistisch. Natürlich nerven wir einander. Das geht vorbei.
     
  • Formulieren Sie für sich und den Partner aus, was Sie wollen, was nicht. Denn egal wie eng Sie aufeinander hocken, das Gegenüber kann unsere Bedürfnisse nicht an der Nasenspitze ablesen. Vielleicht nutzen Sie die Corona-Zeit sogar als Trainingslager für mehr Klarheit in der Erotik. Damit es Ihnen nicht mehr schwer fällt zu sagen: „Bitte leg die Hand da hin, das tut mir gut.“ Oder: „Mir ist jetzt mehr nach dieser Position, okay?“ Sie werden beide profitieren.
     
  • Üben Sie sich im Management von Nähe und Distanz, denn das Bedürfnis danach ist im Paar nur in den seltensten Fällen stets gleich verteilt. Der eine braucht Abstand, die andere Nähe, und umgekehrt. Bleiben Sie entspannt, wenn ihr Liebster Abstand braucht und sorgen Sie selbst für achtsame Eigenzeit.
     
  • Entlasten Sie die Beziehung ab und zu. Laden Sie Sorgen und Ängste auch bei befreundeten Menschen ab, nicht nur in der Partnerschaft. Danach fühlt sich das Leben wieder leichter an, wir sind erfrischt und aufgeräumt fürs Zuhause, attraktiv und bereit für neue Nähe.
     
  • Pflegen Sie belohnende Paar-Aktivitäten, wie eine Verabredung zum Spaziergang zu Zweit. Klar, das ist nicht neu. Aber es ist allemal besser, einen Filmabend zu zelebrieren, statt einmal mehr gedankenlos auf die Fernbedienung zu drücken. Kochen Sie, gucken Sie mit dem Bewusstsein: Jetzt nehmen WIR uns Zeit dafür. Vielleicht verabreden Sie sich zum Sex?
     
  • Offene Gespräche bleiben wichtig. Aber wenn man ständig zusammen ist, heißt das nicht, dass man Sorgen permanent auf den Tisch bringen sollte. Denken Sie gerade in der oft verstimmten Zeit der Pandemie daran auf einen guten Moment zu warten.
     
  • Geben Sie dem Alltag Struktur. Das empfiehlt sogar der weltgrößte Psychologenverband, die American Psychological Association. Ein fester Tagesablauf vermittelt Sinn und Halt und beugt schlechter Stimmung vor.
     
  • Packen Sie jeden Tag eine Genusszeit in den Kalender. Bitte aufschreiben: 15 Minuten Auszeit für mich. Mit Musik, einfach Tanzen. Gönnen Sie sich 20 Minuten Progessive Muskelentspannung. 30 entspannte Minuten mit Tee und einer Leckerei. Auch ihre erotische Genussfähigkeit kann so wachsen.
     
  • Konzentrieren Sie sich nicht auf das, was nicht geht, sondern auf das, was geht: Achtsamkeitstraining, Entspannungsübungen vom Smartphone, Selbstbefriedigung, Kuschelfilme, Streicheleinheiten. Vielleicht testen Sie eine zarte Massage aneinander?
     
  • Bleiben Sie neugierig in Sachen Sexualität. Literarisch mit Büchern wie „Sie hat Bock“ von Katja Lewina, den Ratgebern „Komm, wie du willst“ von Emily Nagoski. Oder testen Sie das lustige „Pussy Yoga“ zum Training des Beckenbodens für die Lust. Erotische Geschichten zum Hören finden Sie auf dem Portal femtasy.com. Machen Sie sich Lust auf mehr.

Insgesamt ist klar: gerade in Zeiten der Pandemie mit sozialer Distanz, privater Enge, Stress und Ungewissheit brauchen wir eines um so mehr – emotionale und körperliche Nähe, die uns Kraft gibt. Nutzen wir also die Chance, die schwierigen Monate zu einer Zeit der Zärtlichkeit zu machen.